Warum eine basische Ernährung NICHT entsäuert

Eine basische Ernährungsform soll der Übersäuerung des Körpers und zahlreichen Krankheiten vorbeugen. Dies wurde in den letzten Jahren von unzähligen Quellen propagiert, doch auf wissenschaftliche Fakten kann sich diese Theorie nicht stützen.

Zugegeben, es ist nicht leicht, vor allem wenn es um Themen wie dieses geht, wahr von falsch zu unterscheiden. Denn egal welchen Standpunkt man vertretet, man wird auf Google immer fündig. Deshalb ist es wichtig, Informationen zu filtern.

Wie filtert man Informationen?

Datenbanken wie Pubmed, NBCI, AIRC, welche wissenschaftliche Literatur aus der Medizin, Biologie und angrenzenden Gebieten enthalten, sind sicherlich eine verlässlichere Quelle, als die Meinung eines „Experten“ oder eines anonymen Schreibers eines Internetbeitrages. Doch diese Publikationen korrekt zu interpretieren oder überhaupt erst zu filtern, ist alles andere als leicht.

Ganz oben die zuverlässigste Informationsquelle, unten die unzuverlässigste (Hintergrundinformationen/die Meinung eines Experten)

Die Wissenschaft hat sicherlich noch nicht alles beantwortet (ganz im Gegenteil). Sie schafft es aber, dass nicht die Meinung des Einzelnen, sondern die Mehrheit objektiver Daten zählt.

Diese Prämisse war notwendig, um ein Thema wie jenes der basischen Ernährung einzuführen.

Der Säure-Basen Haushalt aus physiologischer Sicht

Nun aber zum eigentlichen Thema. Wer Medizin oder Ernährung studiert, wird diese Informationen in jedem Universitätsbuch finden (z.B. I principi di biochimica di LehningerFisiologia di Berne e Levy, Fisiologia renaleEquilibrio acido – base – Ossigeno – Fluidi e elettroliti). Dies um nochmals zu betonen, dass es sich hierbei nicht um meine eigene Meinung, sondern um die Basis der Physiologie und Biochemie handelt.

Wenn du nicht atmen kannst, stirbst du innerhalb kürzester Zeit. Der pH-Wert ist für unsere Zellen, wie die Luft für unseren Organismus.

Den korrekten pH-Wert aufrechtuzhalten ist lebenswichtig, um die Funktionen der Enzyme zu gewährleisten. Sollte der pH-Wert des Blutes auch nur im geringsten Maße variieren, würden unzählige Reaktionen ausgelöst und blockiert werden, was zum sofortigen Tod der Zelle führt. Deshalb gilt das Beibehalten des Gleichgewichts des pH-Wertes als absolute Priorität des Körpers.

Es ist wahr, dass Nahrungsmittel einen Einfluss auf unseren pH-Wert besitzen, jedoch ist das wie viel ausschlaggebend. Entnimmt man vom Meer ein Glas Wasser, so ist die Wassermenge sicherlich gesunken, der entzogene Wert bleibt aber trotzdem irrelevant. Der Körper besitzt nämlich verschiedene Systeme, um selbst große Variationen des pH-Wertes zu neutralisieren. Eines davon ist die Atmung.

Regulierung des pH-Wertes durch die Atmung

Wenn du trainierst, fängst du an schneller zu atmen. In Wirklichkeit ist die Erhöhung der Herzfrequenz und der Atemzüge nicht primär von einem erhöhtem Sauerstoffbedarf gegeben, sondern durch die Notwendigkeit, mehr Kohlenstoffdioxid (CO2) auszuscheiden. Der arbeitende Muskel produziert gerade Laktat, welches potentiell den Körper sauer machen würde. Ohne zu viel ins Detail zu gehen, am Ende des Energiegewinnungsprozesses wird ein Großteil des Laktats in CO2 und Wasser umgewandelt.

Und wir alle wissen, dass wir beim Ausatmen CO2 ausscheiden. 

Das war die erste Methode für den Körper, Säure zu neutralisieren. Eine weitere Möglichkeit zur raschen Erhöhung des pH-Wertes, ist Erbrechen. Dies geschieht jedoch nur sehr selten und wird in den meisten Fällen auf eine andere Ursache zurückzuführen sein, als auf eine tatsächliche Übersäuerung.

Abgesehen von der Atmung gibt es eine zweite wichtige Methode zur Regulierung des pH-Wertes: die Nieren.

Regulierung des pH-Wertes durch die Nieren

Die Nieren regulieren den pH-Wert des Blutes und spielen eine wichtige Rolle beim Ausscheiden von Giftstoffen. Vertreter einer basischen Ernährungsform behaupten, der Körper würde bei einer vorwiegend sauren Ernährungsform (Getreide, Milchprodukte..) übersäuern und rechtfertigen diese Theorie mit den pH-Wert Teststreifen.

Wenn du mit pH-Wert Teststreifen deinen Urin überprüfst, erhältst du aber keinerlei Informationen über eine tatsächliche Übersäuerung des Körpers. Es wäre zu schön um wahr zu sein, und die Unternehmen, welche Bikarbonat produzieren, würden Milliarden verdienen.

Wenn du sauer isst, muss diese Säure neutralisiert werden (genauso wie bei sportlicher Aktivität). Dies geschieht durch die Nieren, welche den pH-Wert des Urins durch einen völlig physiologischen Prozess senken. Si werden dadurch nicht überlastet. Das wäre, als würde man behaupten, die Lunge ermüdet sich beim Atmen oder das Herz beim Schlagen. Mit den pH-Wert Teststreifen erhält man somit lediglich die Information, dass der Körper gerade Säure neutralisiert und durch den Urin ausgeschieden hat, und nicht, dass der Körper übersäuert ist.

Entgiftungskur – Die Kur für deine Geldbörse

Nun noch einige letzten Worte zu den sogenannten Entgiftungskuren.

Unsere Organe sind tagtäglich mit dem Abbauen von Giftstoffen in unserem Körper beschäftigt. Diese Aufgabe steht vorwiegend der Leber zu, welche unter anderem auch die Aufgabe besitzt, verschiedene Entgiftungsprozesse im Körper zu aktivieren. Es gibt daher kein Nahrungsergänzungsmittel oder Lebensmittel, welches den Körper entgiften könnte.

Was es gibt sind Substanzen, welche die Leber in ihrer Entgiftungsaufgabe unterstützen können, und zwar jene Nährstoffe, welche von der Leber während dieser Prozesse verwendet werden. Unter diesen befinden sich Proteine, vor allem einzelne Aminosäuren (Taurin, Cystein, Glycin und Glutamin), welche in einer klassischen Entgiftungskur meistens nicht bzw. nur begrenzt vorhanden sind.

Oft werden auch verschiedene Methoden des Fastens als Entgiftungskur verwendet. Paradoxerweise erreicht diese Methode aber das genaue Gegenteil. Ein Mangel an Glykogen in der Leber (durch das Fasten) führt nämlich dazu, dass die Gluconeogenese (Umwandlung von Eiweiß in Kohlenhydraten) um ein Vielfaches erhöht wird, was zum Abbau von Muskelprotein führt. Dies wiederum hat eine Produktion von Stickstoff-Abfallprodukten als Folge, welche durch die Nieren über den Urin ausgeschieden werden müssen.

Versteht mich nicht falsch. Fasten kann tatsächlich eine gute Methode sein, den Körper von einer ungesunden Ernährungsform und einer zu hohen Kalorienzufuhr „Erholung“ zu verschaffen bzw. das Verdauungssystem zu entlasten, was sich positiv auf die Gesundheit auswirken kann. Nur hat es eben keine Auswirkung auf eine Entsäuerung oder Entgiftung.

Abschließend

Aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet spielen Nahrungsmittel für die Regulierung des pH-Wertes (fast) keine Rolle. Wenn wir leicht zum sauren „tendieren“, ändert sich unbewusst die Tiefe des Atemzuges und sofort hat unser Körper wieder ein Gleichgewicht dargestellt.

Dennoch kann eine basische Ernährungsform tatsächlich für ein besseres Wohlbefinden sorgen, da sie Personen dazu bewegt, wasserreiche Lebensmittel, welche zudem noch reich an Vitaminen, Mineralstoffen und Antioxidantien sind (Obst und Gemüse sind die primären basischen Lebensmittel) zu konsumieren. Das bessere Wohlbefinden ist aber auf die gesündere Ernährungsform und nicht die Entsäuerung des Körpers zurückzuführen.

Hier findest du eine Nahrungsmitteltabelle über die basischen und säurebildenden Lebensmitteln.


Weitere Beiträge zum Thema Fitness und Ernährung findest du hier.


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Literatur:

Andrea Biasci: Project Nutrition, 2015, IGB GROUP S.r.l.

Studien:

  1. Meta-analysis of the effect of the acid-ash hypothesis of osteoporosis on calcium balance.
  2. Influence of nutrition on acid-base balance–metabolic aspects.
  3. Influence of diet on acid-base balance.
  4. Potential renal acid load of foods and its influence on urine pH.
  5. Greater milk intake is associated with lower bone turnover, higher bone density, and higher bone microarchitecture index in a population of elderly Japanese men with relatively low dietary calcium intake: Fujiwara-kyo Osteoporosis Risk in Men (FORMEN) Study.
  6. A diet high in meat protein and potential renal acid load increases fractional calcium absorption and urinary calcium excretion without affecting markers of bone resorption or formation in postmenopausal women.
  7. Postmenopausal bone density and milk consumption in childhood and adolescence.
  8. Causal assessment of dietary acid load and bone disease: a systematic review & meta-analysis applying Hill’s epidemiologic criteria for causality
  9. Protein consumption and bone mineral density in the elderly : the Rancho Bernardo Study.
  10. Causal assessment of dietary acid load and bone disease: a systematic review & meta-analysis applying Hill’s epidemiologic criteria for causality.

Andere Qellen:

Systematic reviews

 

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