Warum eine basische Ernährung NICHT entsäuert

Eine basische Ernährungsform soll der Übersäuerung des Körpers und zahlreichen Krankheiten vorbeugen. Dies wurde in den letzten Jahren von unzähligen Quellen propagiert. Auf wissenschaftliche Fakten kann sich diese Theorie jedoch nicht stützen.

In der heutigen Zeit unwissend zu sein, bleibt eine Entscheidung. Zugegeben, es ist nicht leicht, wissenschaftliche Publikationen korrekt zu interpretieren oder überhaupt erst zu filtern. Wenn man auf Pubmed, NBCI oder offiziellen Seiten medizinischer Forschung (wie AIRC) sucht, wird man schnell fündig (oder was das Entsäuerungspotential der basischen Ernährung angeht, nicht fündig).

Doch Studie ist nicht gleich Studie.

Beispielsweise konnten manche Studien im Nachhinein einem Peer-Review nicht standhalten, und bei einer Replikation der Studie mit denselben Bedingungen, nie mehr dasselbe Ergebnis erzielen. Dass eine solche Studie keinerlei Wert hat, ist klar.

„Eine Studie hat gezeigt, dass sich das Krebsrisiko bei Personen, welche öfter als zweimal wöchentlich Fleisch verzehrten, verdoppelte“. Dieser Satz ist natürlich erfunden, er wird aber in den meisten Fällen die Aufmerksamkeit des Lesers oder Zuhörers erregen, vor allem wenn er von einer Person mit einer gewissen Autorität zitiert wird. Klingt auf ersten Blick erstaunlich. Beträgt das in der Studie ermittelte Krebsrisiko aber 0,0001 %, so bleibt das Resultat wiederum komplett irrelevant. 

Deshalb ist es wichtig, Informationen zu filtern und Studien nach deren Zuverlässigkeit einzuteilen.

Ganz oben die zuverlässigste Informationsquelle, unten die unzuverlässigste. Bildquelle:https://kib.ki.se/en/search-evaluate/systematic-reviews

Die Wissenschaft hat sicherlich noch nicht alles beantwortet (ganz im Gegenteil). Sie schafft es aber, dass nicht die Meinung des Einzelnen, sondern die Mehrheit objektiver Daten zählt.

Auf der anderen Seite gibt es das Internet, Zeitschriften, TV und Social Media, welche eine schnelle und einfache Zugangsform für Informationen schaffen. Denn jeder kann seine eigene (vielleicht falsche) Meinung preisgeben, egal ob Arzt oder Blogger. Aber am Ende sind Studien, Metaanalysen und Veröffentlichungen (Systematic Reviews), die tatsächlich zählen.

Diese Prämisse war notwendig, um ein heikles Thema wie jenes der basischen Ernährung einzuführen, eine Ernährungsform welche bereits durch Medien und sogar manchen Ärzten unterstützt und verbreitet wird. Dieses Thema scheint auf ersten Blick eine Menge an Unterstützern zu haben, aber was findet man auf wissenschaftlicher Ebene?

Nichts.

Man findet nichts, nur wenige Studien mit geringer Auswirkung. Die basische Ernährungsform zur Prävention der Übersäuerung ist reine Fiktion, welche sich nicht auf den Grundprinzipien der Physiologie des Menschen stützt. Es ist so, als würde man behaupten die Erde sei flach, ohne dafür Beweise zu erbringen. Nun fragt euch, warum macht, wer diese Informationen verbreitet, nicht eine Studie darüber? Er könnte dafür den Nobelpreis in Medizin gewinnen. Ganz einfach, weil hinter der basischen Ernährung und der Entsäuerung des Körpers kein wissenschaftliches Fundament dahintersteht.

Der Säure-Basen Haushalt aus physiologischer Sicht

Nun aber zum eigentlichen Thema. Wer Medizin oder Ernährung studiert, wird diese Informationen in jedem Universitätsbuch finden (z.B. I principi di biochimica di LehningerFisiologia di Berne e Levy, Fisiologia renaleEquilibrio acido – base – Ossigeno – Fluidi e elettroliti). Dies um nochmals zu betonen, dass es sich hierbei nicht um meine eigene Meinung, sondern um die Basis der Physiologie und Biochemie handelt.

Wenn du nicht atmen kannst, stirbst du innerhalb kürzester Zeit. Der pH-Wert ist für unsere Zellen, wie die Luft für unseren Organismus. Einen korrekten Wert zu halten ist lebenswichtig, um die Funktion der Enzyme zu gewährleisten. Sollte der pH-Wert des Blutes auch nur im geringsten Maße variieren, würden unzählige Reaktionen ausgelöst und blockiert werden, was zum sofortigen Tod der Zelle führt. Deshalb gilt das Beibehalten des Gleichgewichts des pH-Wertes als absolute Priorität des Körpers.

Es ist wahr, dass Nahrungsmittel einen Einfluss auf unseren pH-Wert haben, jedoch ist das wie viel ausschlaggebend. Wenn man vom Meer ein Glas Wasser entnimmt, so ist die Wassermenge sicherlich gesunken, der entzogene Wert bleibt aber trotzdem irrelevant. Der Körper besitzt verschiedene Systeme, um große Variationen des pH-Wertes einfach zu neutralisieren. Eines davon ist die Atmung.

Regulierung des pH-Wertes durch die Atmung

Wenn du trainierst, fängst du an schneller zu atmen. In Wirklichkeit ist die Erhöhung der Herzfrequenz und der Atemzüge nicht primär von einem erhöhtem Sauerstoffbedarf gegeben, sondern durch die Notwendigkeit, mehr Kohlenstoffdioxid (CO2) auszuscheiden. Der arbeitende Muskel produziert gerade Laktat, welches potentiell den Körper sauer machen würde. Ohne zu viel ins Detail zu gehen, am Ende des Energiegewinnungsprozesses wird ein Großteil des Laktats in CO2 und Wasser umgewandelt.

Und wir alle wissen, dass wir beim Ausatmen CO2 ausscheiden. 

Das war die erste Methode für den Körper, Säure auszuscheiden. Eine weitere Möglichkeit zur raschen Erhöhung des pH-Wertes, ist Erbrechen. Dies geschieht nur sehr selten und wird wahrscheinlich eine andere Ursache haben, als eine tatsächliche Übersäuerung.

Abgesehen von der Atmung gibt es eine zweite wichtige Methode zur Regulierung des pH-Wertes: die Nieren.

Regulierung des pH-Wertes durch die Nieren

Die Nieren regulieren den pH-Wert des Blutes und spielen eine wichtige Rolle beim Ausscheiden von Giftstoffen. Oft wird behauptet, die Nieren würden sich beim Neutralisieren von Säure überanstrengen.

Wenn du mit pH-Wert Teststreifen deinen Urin überprüfst, erhältst du keinerlei Informationen über eine potentielle Überlastung der Nieren wegen Übersäuerung. Es wäre zu schön um wahr zu sein, und die Unternehmen, welche Bikarbonat produzieren, würden Milliarden verdienen.

Wenn du sauer isst, senken die Nieren den pH-Wert deines Urins durch einen völlig physiologischen Prozess. Si werden dadurch nicht überlastet. Das wäre als würde man behaupten, die Lunge ermüdet sich beim Atmen oder das Herz beim Schlagen.

Entgiftungskur – Die Kur für deine Geldbörse

Nun noch einige letzten Worte zu den sogenannten Entgiftungskuren, welche genauso populär zu sein scheinen, wie der Glaube, dass basische Lebensmittel unseren Körper entsäuern.

Unsere Organe sind tagtäglich mit dem Abbauen von Giftstoffen in unserem Körper beschäftigt. Diese Aufgabe steht vorwiegend der Leber zu, welche unter anderem auch die Aufgabe besitzt, verschiedene Entgiftungsprozesse im Körper zu aktivieren. Es gibt daher KEIN Nahrungsergänzungsmittel oder Lebensmittel, welches den Körper entgiften könnte. Was es gibt sind Substanzen, welche die Leber in ihrer Entgiftungsaufgabe unterstützen können, und zwar jene Nährstoffe, welche von der Leber während dieser Prozesse verwendet werden. Unter diesen befinden sich Proteine, vor allem einzelne Aminosäuren (Taurin, Cystein, Glycin und Glutamin), welche in einer klassischen Entgiftungskur meistens nicht vorhanden sind.

Trotzdem kann Fasten tatsächlich eine gute Methode sein, den Körper von dem vielen ungesunden Essen und einer zu hohen Kalorienzufuhr zu „erholen“ (solange man im Rahmen von 24-48h bleibt). So wird das Verdauungssystem entlastet, was sich sicherlich positiv auf die Gesundheit auswirkt.

Bei den klassischen Entgiftungskuren, mit dem Ziel den Körper zu entsäuern, erzielt man paradoxerweise das genaue Gegenteil. Ein Mangel an Glykogen in der Leber führt nämlich dazu, dass die Gluconeogenese (Umwandlung von Eiweiß in Kohlenhydraten) um ein Vielfaches erhöht wird, was zum Abbau von Muskelprotein führt. Dies wiederum hat eine Produktion von Stickstoff-Abfallprodukten als Folge, welche durch die Nieren über den Urin ausgeschieden werden müssen.

Das ist bereits ein weiterer Grund, warum Fasten über einen längeren Zeitraum (mehr als 24-36h) überhaupt keinen Entgiftungseffekt besitzt, sondern eigentlich das genaue Gegenteil. Ein ganzer Tag ohne Essen verbraucht durchschnittlich 150 g Eiweiß (welches in diesem Fall vom Muskel abgebaut wird), was wie bereits erwähnt, Stickstoff-Abfallprodukte produziert. Eine nicht besonders kluge Wahl, den Körper zu entgiften.

Abschließend

Aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet spielen Nahrungsmittel für die Regulierung des pH-Wertes dieselbe Rolle, wie ich im Herzen von Angela Merkel. Wenn wir leicht zum sauren „tendieren“, ändert sich unbewusst die Tiefe des Atemzuges und sofort hat unser Körper wieder ein Gleichgewicht dargestellt.

Die Annahme, dass Milch schädlich für die Knochen sei oder sogar Osteoporose erzeugt, stützt sich ebenfalls auf keine wissenschaftlichen Fakten.

Dennoch kann eine basische Ernährungsform tatsächlich für ein besseres Wohlbefinden sorgen, da sie Personen dazu bewegt, wasserreiche Lebensmittel, welche zudem noch reich an Vitaminen, Mineralstoffen und Antioxidantien sind (Obst und Gemüse sind die primären basischen Lebensmittel) zu konsumieren. Das bessere Wohlbefinden wird aber wegen DIESEN Gründen, und nicht weil ihr euch entgiftet habt, stattfinden.

Ein weiter Grund, weshalb eine basische Ernährung den Gesundheitszustand verbessern kann, ist die Korrelation zwischen Gesundheitsparameter und Körperfettanteil. Wenn dieser zu hoch ist, führt dessen Senkung zur Verbesserung aller Parameter (Blutzuckerwerte, Blutfettwerte, Cholesterin, usw.). Basische Lebensmittel besitzen durchschnittlich eine geringere Energiedichte und weniger Kalorien als eine heutzutage „normale“ Ernährung, was oft dazu führt, dass man beim Umstieg auf eine basische Ernährung Gewicht verliert – Und sich wegen dem Gewichtsverlust besser fühlt.

Hier findest du eine Nahrungsmitteltabelle über die basischen und säurebildenden Lebensmitteln.


Weitere Artikel zum Thema Fitness und Ernährung findest du hier.


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Literatur:

  1. Andrea Biasci: Project Nutrition, 2015, IGB GROUP S.r.l.

Studien:

  1. Meta-analysis of the effect of the acid-ash hypothesis of osteoporosis on calcium balance.
  2. Influence of nutrition on acid-base balance–metabolic aspects.
  3. Influence of diet on acid-base balance.
  4. Potential renal acid load of foods and its influence on urine pH.
  5. Greater milk intake is associated with lower bone turnover, higher bone density, and higher bone microarchitecture index in a population of elderly Japanese men with relatively low dietary calcium intake: Fujiwara-kyo Osteoporosis Risk in Men (FORMEN) Study.
  6. A diet high in meat protein and potential renal acid load increases fractional calcium absorption and urinary calcium excretion without affecting markers of bone resorption or formation in postmenopausal women.
  7. Postmenopausal bone density and milk consumption in childhood and adolescence.
  8. Causal assessment of dietary acid load and bone disease: a systematic review & meta-analysis applying Hill’s epidemiologic criteria for causality
  9. Protein consumption and bone mineral density in the elderly : the Rancho Bernardo Study.
  10. Causal assessment of dietary acid load and bone disease: a systematic review & meta-analysis applying Hill’s epidemiologic criteria for causality.

 

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